Ein großer Schritt, ein wichtiger Schritt – und ein Schritt, der bei Vereinsvertretern, Verbandsverantwortlichen und externen Fachleuten auf sehr breite Zustimmung stößt: Der Fußballverband Rheinland wird den Juniorenfußball der A- bis D-Junioren zur neuen Saison 2026/27 umstrukturieren. Demnach melden Vereine ihre Mannschaften in die aus ihrer Sicht passende Leistungsebene, ohne dass zuvor eine sportliche Qualifikation nötig ist – Ausnahme ist die höchste Spielklasse im Rheinland. So sollen Jugendliche möglichst häufig auf demselben Leistungslevel spielen und die Teams in jeder Halbserie neu passend einsortiert werden können. Der Entwicklung der Spieler wird damit die höchste Priorität eingeräumt. Das System besteht aus mehreren Leistungsebenen: von der höchsten Klasse (Oberliga Rheinland) über eine Rheinlandebene und Bezirksebenen bis hin zur Basisebene. In anderen Landesverbänden gibt es bereits ähnliche Ansätze, die im Hinblick auf die Altersbereiche und Ligen allerdings nicht voll umfänglich umgesetzt werden und teilweise an ein Quotienten- und Qualifikationssystem gekoppelt sind.
Das neue System des Fußballverbandes Rheinland ist das Resultat eines Entwicklungsprozesses, angestoßen und umgesetzt durch die Arbeitsgruppe Spielsystem des Verbandsjugendausschusses. Sven Edinger, Vorsitzender des Ausschusses, stellte die Idee dieses neuen Spielsystems im Rahmen dreier Regionalkonferenzen in den Bezirken West, Mitte und Ost insgesamt rund 180 Vereinsvertretern vor, dazu unterstrichen Experten wie Hannes Wolf, Markus Hirte, Volker Kersting und Clemens Decker bei einer Online-Diskussion ihre Begeisterung für das neue System. Da war der Weg in eine erheblich modernisierte Zukunft im Juniorenfußball des FVR bereits geebnet: Rund 85 Prozent der Vereinsvertreter hatten bei den Regionalkonferenzen die Einführung des neuen Systems befürwortet – und damit eine sehr stabile Grundlage für den Wechsel gelegt.
„Wir sind wirklich sehr zufrieden mit dem Ergebnis und auch stolz darauf. Dieses positive Feedback zeigt uns, dass uns viel Vertrauen entgegengebracht wird – und dass die Arbeitsgruppe gute Arbeit geleistet hat“, sagt Edinger. „Gemeinsam haben wir einen mutigen, innovativen und zukunftsorientierten Schritt gewagt. Ich möchte mich ausdrücklich bei den Vereinen bedanken. Es ist keine Selbstverständlichkeit, einer so großen Reform mit so viel Offenheit zu begegnen. Wir wissen, dass das ein großer Schritt ist und Zeit brauchen wird. Aber wir sind überzeugt: Wenn das System so gelebt wird, wie es gedacht ist, dann wird es den Jugendfußball im Rheinland langfristig stärken – gemeinsam mit unseren Vereinen.“
Große Leistungsgefälle, in denen Spitzenmannschaften regelmäßig zweistellige Siege einfahren, sollen mit dem neuen Spielsystem deutlich reduziert werden. Ein wesentlicher Vorteil ist zudem seine Flexibilität: Vereine können auf starke oder schwächere Jahrgänge reagieren, ohne für eine ganze Saison in einer unpassenden Liga festzustecken – und das sogar halbjährlich. Mit steigender Ebene im neuen System wachsen indes auch die Anforderungen an Strukturen und Qualität der Ausbildung. Trainerlizenzen, Kadergrößen und organisatorische Rahmenbedingungen werden je nach Ebene verbindlich geregelt, um ein professionelles Umfeld zu sichern. Im Rahmen der Regionalkonferenzen sprachen sich zudem 91 Prozent der Vereine dafür aus, dass der Verbandsjugendausschuss das Recht erhält, Mannschaften eine Meldung in einer niedrigeren Ebene vorzuschreiben, sofern sie in einer Ebene sportlich deutlich unterlegen sind.
„Das ist ein Quantensprung – wir sind wirklich begeistert. Auch davon, dass die Vorbereitung und Umsetzung so schnell erfolgt sind“, sagt Hannes Wolf, DFB-Direktor Nachwuchs, Training und Entwicklung. „Der Schlüssel für Entwicklung ist Spielzeit und gutes Training. Und diese Entwicklung muss gar nicht für die Bundesliga sein – gern auch beispielsweise für die Bezirksliga. Wir finden dieses Spielsystem viel, viel besser als das, was seit vielen Jahrzehnten fast überall praktiziert wird.“ Markus Hirte, Sportlicher Leiter Talentförderung des DFB, ergänzt: „Kindern und Jugendlichen macht Fußball spielen Spaß, wenn sie individuell Erfolgserlebnisse haben und sich mit ihrem Team mit anderen Mannschaften auf ähnlichem Level messen können – das aber ist im aktuellen System häufig nicht der Fall. Und das führt dann dazu, dass die Kinder und Jugendlichen die Freude am Fußball verlieren. Daher ist es nicht wichtig, in welcher Liga ich spiele, sondern nur, dass ich attraktive Spiele absolvieren kann.“
Das unterstreicht auch Volker Kersting, Direktor Nachwuchsfußball, 1. FSV Mainz 05: „Wir müssen die Spieler in den Vordergrund stellen, nicht das Ergebnis. Aus eigener Erfahrung: Abstiegskampf ist destruktiv, weil sich alles nur noch daran ausrichtet und der Druck enorm hoch ist. Wichtig ist, all dies möglichst wegzunehmen – der Spaß muss im Vordergrund stehen, nur dann entwickelt sich ein Spieler. Auch deshalb ist dieses neue Spielsystem ein riesiger Fortschritt – ich kann nur dazu gratulieren, so fortschrittlich zu denken und dies dann auch umzusetzen.“
Worte, die Sven Edinger und sein Team im Verbandsjugendausschuss gern hören – zu diesem Team zählt auch Dr. Michael Wilkes, FVR-Vizepräsident Jugend: „Das neue Spielsystem gibt unseren Vereinen die Möglichkeit, ihre Teams regelmäßig neu einzuordnen. Hiermit schaffen wir den Wettbewerb nicht ab, wir intensivieren ihn“, sagt er. „Unser Ziel ist ein System, das flexibel, durchlässig und fair ist. Die Meldeliga eröffnet Vereinen und Talenten neue Chancen. Wenn wir deutliche Leistungsgefälle reduzieren, profitieren am Ende alle: Talente werden besser gefördert, und auch die vermeintlich schwächeren Mannschaften verlieren nicht dauerhaft die Freude am Fußball.“
Clemens Decker, Sportlicher Leiter des FVR, sagt: „Ich freue mich auf das neue Spielsystem im Juniorenbereich, weil es zum einen die Chance bietet, Spielklassen ausgeglichener zu gestalten, und zum anderen häufiger Wettkämpfe auf Augenhöhe ermöglicht – nur dann findet Entwicklung statt. Wenn wir die Jungs so gut ausbilden, dass sie später in der Oberliga oder auf ähnlichem Niveau spielen, ist es umso schöner, wenn dieses System dazu beigetragen hat. Es musste eine Veränderung her, und dieser Schritt ist sehr gut gelungen.“ Derselben Ansicht ist auch Gregor Eibes, Präsident des Fußballverbandes Rheinland: „Wir wollen einen echten Wettbewerb auf passendem Niveau ermöglichen. Und wir müssen den Mut haben, uns endlich an den Bedürfnissen der Kinder zu orientieren. Diesen Weg gehen wir jetzt, das ist der einzig richtige Weg. Ich bin den Vereinen sehr dankbar, dass sie ihn so überwältigend mitgehen.“
Wie geht es nun weiter? Der Verbandsjugendausschuss erarbeitet die neuen Durchführungsbestimmungen – unter anderem auf Grundlage der Rückmeldungen aus den Regionalkonferenzen und inklusive rechtlicher Prüfung durch FVR-Vizepräsident Achim Kroth. Ziel ist, im April die erste Fassung der Durchführungsbestimmungen zu veröffentlichen. Die finale Version wird voraussichtlich Mitte Juli stehen, wenn alle Staffeln eingeteilt sind. Das Grundkonstrukt wird jedoch vorher sichtbar und veröffentlicht – die Vereine werden also weiterhin eng mitgenommen.
